Prophetisch Kochen
Sonntag, 1. April 2012
Adelaide hat die Nase voll
So, und als nächstes folgt eine Fortsetzungsgeschichte (unterbrochen von einem Karfreitagsgedicht). Sie handelt von....

Adelaide hatte endgültig die Nase voll. Seit Jahren musste sie sich nun Monat für Monat seltsame Männer ansehen, allesamt Prinzen – allesamt inakzeptabel. Aber was hat man als einziges Kind eines leider bankrott gegangenen Königs für eine Wahl? Man muss sich die Herren ansehen, die antreten die Königstochter zu ehelichen und mit ihrer Wirtschaftskraft das Königtum zu sanieren. So brachte sie Stunden um Stunden geistlosester Konversation hinter sich. Der großen Liebe ihres Vaters zu ihre hatte sie es zu verdanken, dass sie immer noch nicht als Matrone, verheiratet mit irgendeinem Schwachkopf, ihr Leben in einem abgelegenen Rittergut fristete. Lange aber, da war sich Adelaide sicher, konnte es nicht mehr dauern, bis ihr Vater klein bei und sie her gab. Deshalb war ihr schon lange klar, dass es nur eine Möglichkeit gab: Sie musste weg. Und zwar ganz alleine.

Seit Monaten hatte sie ihre Flucht geplant. An einem besonders widerwärtigen Tag – geschlagene drei Stunden musste sie mit einem muskelbepackten Al-Capone-Verschnitt hirnlose Konversation machen – war alles bereit. Sobald sie sich von dem unliebsamen Verehrer befreit hatte, zog sie sich in ihre Gemächer zurück. Ihre Zofe Carla sperrte sie vorsichtshalber aus. Carla roch jeden Braten sofort, und sie wollte ja sowieso alleine weg. Ganz alleine.
Nachdem die schwere Eichentür hinter ihr ins Schloss gefallen war, suchte Adelaide die letzten Gegenstände aus ihren Schränken. In den großen Rucksack kamen alte Turnschuhe, ihre Zahnbürste (erst zweimal gebraucht), das Puderdöschen, der Flanellpyjama, Unterwäsche, einige Oberteile und eine Jeans. Am Abend vorher hatte sie bereits in das Futter des Rucksacks einige Tausend Wozzler [Die Währung im Königreich des Vaters von Adelaide. Wie wir jedoch wissen, ist nicht mehr viel Währung vorhanden – das Königreich ist ja Pleite] eingenäht. Für die hatte sie das sehr teure, aber schrecklich geschmacklose Diamant-Collier versetzt, das Tante Eugenie ihr zum letzten Geburtstag geschenkt hatte. Nun endlich konnte Adelaide auch den unzeitgemäßen rosa Fummel ausziehen, den zu tragen sie aus Repräsentationsgründen verpflichtet war, und der sie so elfenhaft aussehen ließ. Sie schlüpfte in ihre loddelige grüne Cordhose und einen schwarzen Rollkragenpulli – zur Tarnung. Darin würde man sie niemals für eine Prinzessin halten. Keine ihrer Verwandten und Freundinnen hatten JEMALS einen schwarzen, schlabberigen, Oversized-Rollkragenpulli aus Polyester getragen, der zipfelte. Adelaide war sich sicher, dass es keine von ihnen auch nur in Erwägung ziehen würde.

Das Mädchen wusste, dass sich ihre Eltern keine allzu großen Sorgen machen würden, wenn sie sich vom Acker machte. Beide hatten großes Vertrauen in ihre Überlebensfähigkeit. Ihr Vater war allseits beliebt und hatte keine Feinde. Er liebte sie sehr, hatte aber nie Zeit. Seit der Palastreform im letzten Jahr hatte er mehr Pflichten übernehmen müssen, was bedeutete, dass er nun auch noch sein eigener Zeremonienmeister war. Sie wusste, dass er seine Informationsquellen hatte und herausfinden konnte, wo sie gerade steckte. Das einzige, was ihr wirklich Sorgen machte, war, dass ihr Vater seine Korrespondenz nun selbst tippen musste. Nachdem er kürzlich seine Sekretärin entlassen hatte, war Adelaide für sie eingesprungen. Da eine Magen-Darm-Grippe sie kürzlich einige Tage ins Bett gezwungen hatte, musste ihr Vater selbst an die Schreibmaschine. Dies hatte zu einer offiziellen Beschwerde des französischen Botschafters geführt, der die vielen Rechtschreibfehler im Schriftverkehr während ihrer Krankheit persönlich nahm.

Adelaides Mutter stand ihrem Vater bei seiner Arbeit zur Seite. Seit die Köchin aufgrund von Zahlungsschwierigkeiten entlassen werden musste, führte sie die umfangreiche Wirtschaft allein. Und das ohne Erfahrung mit und in der Küche. Adelaide hoffte nur, dass ihre Mutter nicht dachte, sie sei vor ihren Kochkünsten davon gelaufen.

Tief in der Nacht ein kurzes Briefchen an die Eltern auf den Regency-Sekretär gelegt, alles Wichtige mitgenommen, und ab zur Tür. Fortsetzung folgt…

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Letzte Aktualisierung: 2012.09.04, 00:46
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